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Erscheinungstermin: 26. Februar 2010 Redaktionsschluss: 23. Februar 2010
Kommentar:
Hunger ist ein unbeliebtes Wort. Fest verbunden mit dem Begriff ist die Hoffnung auf sein schnelles Verschwinden. Er paart sich stets mit Bildern der Not und der Armut. Ihm gegenüber steht der Begriff der Übersättigung, die in der schnellen und angebotsreichen Konsumgesellschaft unserer Tage ebenfalls als ein Notstand empfunden wird. Die scheinbare Bedürfnislosigkeit ist gerade unter den jungen Kreativen ein viel beseufztes Leid. Sie wird als Lähmung empfunden. Das Überangebot und die stete Verfügbarkeit appetitlicher Häppchen scheinen viele zu überfordern und einen gefährlichen Schwindel zu verursachen. Das so reich gedeckte Frühstücksbüffet führt zu Unentschlossenheit und Passivität. Mit dem Verlust der klaren Bedürfnisse ist auch ihre klare Zielgerichtetheit abhanden gekommen. So gibt es eine seltsame Kultur der Sentimentalität um das romantische Bild des leidenden und bedürftigen Künstlers. Der Wunsch nach Mangel hat in diesen Zeiten des Überflusses eine Renaissance. Die feuilletonistische Reaktion auf den Fall Helene Hegemann zeigt, wie wenig Verständnis die journalistischen Wächter der Kultur älterer Generation dafür haben, wenn sich eine junge Schriftstellerin mit dieser Häppchenkultur arrangiert. Sie hat sich stückchenweise beim Vorhandenen bedient – ohne einen klar formulierten, aggressiven Abgrenzungsgestus. Die kreative Geste liegt hier nicht in der zielgerichteten Opposition, sondern in der Verwertung, der persönlichen Verdauungsarbeit. „Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit,“ hat Hegemann gesagt. Das kann man durchaus als eine vielleicht unbedachte, aber effektive Guerillatechnik sehen, die enorme Vielfalt des Vorgesetzten zu einem neuen Einheitlichen zu bringen. Das ist es vielleicht auch, was Florian Illies übersehen hat, als er seinen Vorwurf an die heutige junge Künstlergeneration formulierte: zu unentschieden die Abgrenzung von den Vorfahren, zu unterwürfig bewundernd die Haltung. Es war ein Aufruf zum künstlerischen Vatermord. Wer nun nicht an die subversive Kraft von Hegemanns Technik der Häppchenverdauung glaubt, sondern sich mit dem von Illies gewünschten großen Gestus, dem kannibalischem Hunger an die kunsthistorischen Größen machen will, der muss sich diesen aggressiven Hunger wohl erst wieder schaffen. Es ist Fastenzeit! Leo Lencsés München 2010